Ellen Moll kennt den Tiroler Immobilienmarkt aus mehreren Perspektiven: als Juristin, Hausverwalterin und Obfrau der Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der Wirtschaftskammer Tirol. Im Gespräch mit FLÆCHE spricht sie offen über systemische Widersprüche, fehlende Anreize, politische Hürden – und darüber, warum ohne Investoren kein leistbarer Wohnraum entstehen kann.
Leistung muss sich wieder lohnen, sonst verlieren wir den Antrieb.
Ellen Moll
Was läuft in Tirol falsch, dass wir so intensiv über Leistbarkeit sprechen müssen?
Wir müssen zuerst einmal aufpassen, was überhaupt als leistbar definiert wird – das sieht jeder anders. Genau das macht es so schwierig, hier klare Linien zu ziehen.
Aus meiner Sicht haben wir uns ein Stück weit von der Leistungsgesellschaft entfernt. Natürlich ist Work-Life-Balance wichtig, das steht außer Frage. Aber Leistung muss sich wieder auszahlen, damit mehr geleistet wird.
Gemeinnütziger Wohnbau ist notwendig, den brauchen wir – den haben wir immer gebraucht. Aber wenn jemand Leistung bringt, dann soll diese Person auch wieder die Möglichkeit haben, Eigentum zu schaffen. Gerade in Tirol gäbe es dafür einfache Hebel, etwa über eine angepasste Wohnbauförderung. Damit könnte sich der Mittelstand durch eigene Leistung wieder Eigentum ermöglichen.
Was ist der größte Hebel, damit junge Menschen die Leistung bringen, sich Eigentum aufbauen zu können?
Das Grundproblem ist, dass aus den falschen Töpfen Geld genommen wird. Wir haben ein System geschaffen, in dem es für viele keinen spürbaren Unterschied am Konto mehr macht, ob jemand Vollzeit arbeitet oder nur einen Teil beiträgt.
Leistung muss sich lohnen – nicht nur ideell, sondern ganz konkret. Es braucht Anreize, sich etwas aufzubauen. Eigentum darf kein unerreichbares Ziel sein, sondern eine realistische Perspektive für jene, die arbeiten, einzahlen und Verantwortung übernehmen.
Dabei geht es nicht nur ums Wohnen oder ums Bauen. Es geht um das große Ganze: unser Gesundheitswesen, unsere sozialen Strukturen, unser gesamtes System. Dieses System funktioniert nur, wenn möglichst viele einzahlen – und nicht nur ein paar wenige.

Wenn alles automatisch abgefedert wird, unabhängig davon, ob jemand Leistung bringt oder nicht, verlieren wir genau diesen Antrieb. Und wenn Anpassungen gemacht werden, wenn Leistung wieder einen Unterschied macht, dann gehen die Menschen auch wieder arbeiten. Davon bin ich überzeugt.
Reicht öffentliche Diskussion in Medien aus – oder braucht es ein konkretes Konzept?
Öffentliche Diskussion ist wichtig, aber sie reicht nicht aus. Wir reden seit Jahren über dieselben Themen, schreiben Presseartikel, führen Debatten – und trotzdem ändert sich wenig.
Es braucht ein klares Konzept. Ein Rezept, das langfristig gedacht ist und nicht nur kurzfristig Symptome behandelt. Wir müssen uns ehrlich fragen: Welche Leistungen wollen wir fördern? Wen wollen wir unterstützen und warum? Und wo setzen wir Grenzen?
Ohne klare Regeln und ohne ein durchdachtes System entsteht Unsicherheit. Diese Unsicherheit spüren nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern auch Unternehmen, Investoren und alle, die Verantwortung tragen. Diskussion ohne Umsetzung führt am Ende nur zu Frust – auf allen Seiten.
Wohnraum ist ein Grundbedürfnis – trotzdem wirkt der Markt in Tirol wie ein Spiel für wenige. Wie siehst du die Situation in Tirol?
Wohnraum ist ein Grundbedürfnis, daran gibt es keinen Zweifel. Aber aktuell fühlt es sich für viele Menschen nicht mehr so an, sondern wie etwas, das nur noch für eine kleine Gruppe erreichbar ist.
Das liegt nicht daran, dass Wohnen per se teuer sein müsste, sondern an den Rahmenbedingungen. Wir haben zu wenig Angebot. Und wenn Angebot fehlt, steigen automatisch die Preise – egal ob Mietwohnungen oder Eigentum.

Gleichzeitig greifen politische Maßnahmen oft zu kurz oder setzen an den falschen Stellen an. Statt das Angebot zu erhöhen, wird versucht, die Nachfrage zu regulieren. Das verschärft die Situation langfristig eher, als dass es sie löst.
Wenn wir Wohnraum wieder als das behandeln wollen, was er ist – ein Grundbedürfnis – dann müssen wir strukturell ansetzen: mehr bauen, effizienter bauen und die Voraussetzungen dafür schaffen.
Was fehlt aktuell am Markt? Was müsste heute gebaut werden?
Was fehlt, ist ein ausgewogener Mix. Es gibt nicht den einen Wohnraum, der allen gerecht wird.
Jungfamilien brauchen andere Grundrisse als ältere Menschen. Studierende brauchen leistbare, kleinere Einheiten. Ältere Menschen brauchen barrierefreie Wohnungen. Genau diese Vielfalt fehlt oft, weil am Markt häufig einseitig gebaut wird.
Gerade in urbanen Räumen wie Innsbruck wird dieser Mix immer wichtiger. Wenn wir weiterhin nur bestimmte Wohnformen fördern oder zulassen, schaffen wir automatisch neue Engpässe. Wohnbau muss viel stärker an den tatsächlichen Lebensrealitäten der Menschen ausgerichtet sein.
Zur Person: Ellen Moll ist geschäftsführende Gesellschafterin bei Moll & Punt sowie Fachgruppenobfrau der Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der Wirtschaftskammer Tirol.