Wenn man Georg Gridling fragt, ob er Techniker sei, verneint er. Er ist Immobilienkaufmann.
Seine Ausbildung hat er in der Immobilienwirtschaft absolviert, zehn Jahre war er bei einem gemeinnützigen Bauträger tätig – in Hausverwaltung, Verkauf und Sanierungsbauleitung.
Technik, so beschreibt er es selbst, habe er sich in der Praxis angeeignet.
Heute ist Gridling Bereichsleiter Immobilien bei der Tiroler Versicherung. Er verantwortet das Facility Management ebenso wie strategische Neubauprojekte. Sein Zugang zum Bauen ist nicht von technischen Detaildiskussionen geprägt, sondern von strukturellem Denken. Ein Gebäude ist eine langfristige Investition. Entscheidungen müssen wirtschaftlich tragfähig, funktional sinnvoll und nachhaltig sein.
Diese Haltung war entscheidend für ein Detail im Neubau der Tiroler Versicherung in Innsbruck – ein Detail, das konstruktiv weitreichender ist, als es auf den ersten Blick scheint.
Im mehrgeschossigen Holzbau sind Stahlverbindungen üblich. Tragende Elemente, werden über Metallplatten, Winkel oder Sonderbauteile gekoppelt. Das System ist etabliert, normativ abgesichert und technisch kalkulierbar.
Auch beim Neubau der Tiroler Versicherung war diese Lösung vorgesehen. Pro Knoten waren rund 20 Kilogramm Stahl eingeplant. Bei insgesamt 374 tragenden Knoten – 193 innenliegende dreiteilige Knoten und 181 Fassadenknoten – summiert sich das zu einer beträchtlichen Menge.
In der Ausschreibung war diese Lösung als selbstverständlich hinterlegt.
Die Frage, die alles veränderte
Erst in der Detailplanung stellte das ausführende Holzbauunternehmen eine einfache Frage:
Warum muss diese Verbindung aus Stahl bestehen?
Warum sollte ein großvolumiges Gebäude nicht mit einer klassischen Zimmermannsverbindung funktionieren – also mit einer formschlüssigen Holz-Holz-Verknotung, wie sie seit Jahrhunderten im konstruktiven Holzbau eingesetzt wird?
Es war keine provokante Frage, sondern eine, die aus echtem Interesse an der praktischen Umsetzung entstanden ist.
Statt auf die geplante Standardlösung zurückzugreifen, wurde gerechnet. Die Knoten wurden dreidimensional modelliert, statisch überprüft und brandschutztechnisch geprüft. Im Holzbau bedeutet das einen erheblichen Planungsaufwand, da es keine vollständige Systemstandardisierung wie im Betonbau gibt. Jede Verbindung muss individuell bewertet werden.
Das Ergebnis: Die Stahlverbindung war aus konstruktiver Sicht nicht zwingend erforderlich.
374 Knoten im System Holz
Die letztlich ausgeführte Lösung basiert auf einem klassischen Zimmermannsknoten. Keine neue Erfindung, kein patentiertes System, sondern eine bewährte Holz-Holz-Verbindung.
Pro Knoten verblieben lediglich drei Schrauben – brandschutztechnisch vorgeschrieben. Die eigentliche Tragwirkung erfolgt über die formschlüssige Verknotung im Holz.
Konstruktiv bedeutet das:
Der Lastabtrag bleibt im Materialsystem Holz. Materialwechsel im sensiblen Knotenbereich werden reduziert. Die Verbindung bleibt homogen.
Auch wirtschaftlich erwies sich die Lösung als sinnvoll. Holz ist günstiger als Stahl, und die Entwicklung des Knotens verursachte keine Mehrkosten gegenüber der ursprünglichen Planung.
Die Besonderheit liegt nicht im Bauteil selbst, sondern in seiner konsequenten Anwendung in einem mehrgeschossigen Bürogebäude.
Der entscheidende Faktor: der Planungsprozess
Gridling beschreibt Bauen als Gemeinschaftsleistung. Der Architekt kann nicht Experte für jedes Gewerk sein. Der Experte für ein Gewerk ist derjenige, der es ausführt.
Im Projekt wurde bewusst eine Feedbackschleife geschaffen. Die ausführenden Firmen wurden eingeladen, Verbesserungsvorschläge einzubringen. Wenn eine bessere Lösung vorhanden ist, sollte sie diskutiert werden.
In vielen Projekten bleibt dieser Schritt aus. Was ausgeschrieben ist, wird gebaut. Hier wurde das Detail hinterfragt.
Gerade für Projektentwickler, Bauträger und Investoren ist dieser Aspekt zentral. Qualität entsteht nicht nur durch Planungstiefe, sondern durch die Bereitschaft, Expertise auf der Ausführungsebene einzubeziehen.
Keine technische Revolution – sondern ein Perspektivenwechsel
Die Holzverbindung im Neubau der Tiroler Versicherung ist keine technologische Sensation. Sie ist eine Rückbesinnung auf handwerkliche Prinzipien, korrekt gerechnet und in einen modernen Kontext übertragen.
Sie zeigt, dass Standards überprüfbar sind. Dass Materialeinsatz nicht zwangsläufig steigen muss, um Sicherheit zu gewährleisten. Und dass konstruktive Reduktion ein Qualitätsmerkmal sein kann.
Für die Immobilien- und Baubranche liegt darin eine relevante Botschaft. Innovation entsteht nicht ausschließlich durch neue Materialien oder komplexere Systeme. Sie kann auch aus einem Perspektivwechsel entstehen.
Manchmal genügt die Frage:
Muss das wirklich so sein?
Im Fall der Tiroler Versicherung führte diese Frage dazu, dass 374 Knoten nahezu ohne Stahl ausgeführt wurden – in einem Gebäude, das heute ganz selbstverständlich funktioniert.
Holz statt Schrauben ist hier kein Marketingbegriff. Es ist das Resultat eines Prozesses, in dem eine andere Sichtweise zugelassen wurde.





