FLÆCHE # 1 · S. 10–13

Wo Tirols Immobilienzukunft verhandelt wird

Der 6. Immobilien-Stammtisch in Innsbruck war mehr als ein Branchentreffen: Er war ein strategischer Stresstest für alle, die in diesem Markt Verantwortung tragen – und ein klares Signal, dass die Zeit der Ankündigungen vorbei ist.

Wo Tirols Immobilienzukunft verhandelt wird
Foto: Bernhard Schösser

Am 15. Jänner 2026 kamen rund 280 Entscheidungsträger aus ganz Österreich in der Wirtschaftskammer Tirol zusammen. Nicht für Vorträge, die man auch hätte streamen können – sondern für jene Art von Gesprächen, die nur entstehen, wenn Menschen mit ähnlicher Verantwortungslast im selben Raum stehen. Projektentwickler neben Bankvorständen, Bürgermeister neben Bauträgern, Industrievertreter neben Landespolitikern. Das Thema, das alle verband: Wie lässt sich in einem Markt noch agieren, der von Regulierungsdichte, Zinskosten und Planungsunsicherheit geprägt ist?

Ein Markt unter Druck – und eine Branche, die Antworten sucht.

Tirol ist kein gewöhnlicher Immobilienmarkt. Topografische Grenzen, begrenztes Bauland, überdurchschnittliche Kaufkraft und politisch aufgeladene Debatten um Zweitwohnsitze, Leerstand und Bodenverbrauch machen jedes Projekt zu einem Balanceakt. Hinzu kommt: Die Bauwirtschaft erlebt gerade ihre längste Durststrecke seit Jahrzehnten.

IV-Tirol-Präsident Max Kloger lieferte beim Stammtisch den makroökonomischen Realitätscheck: Österreich kommt aus der längsten Rezession der Zweiten Republik, der Tiefpunkt wurde erst Ende 2025 durchschritten. Während die Lohnstückkosten seit 2016 um über 34 Prozent gestiegen sind, legte die Produktivität im selben Zeitraum nur um rund fünf Prozent zu. „Wir erleben keinen klassischen Aufschwung", warnte Kloger, „sondern eine fragile Stabilisierung."

Für Entscheidungsträger bedeutet das: Jede Investition, jede Projektentwicklung, jede strategische Weichenstellung findet unter verschärften Bedingungen statt. Fehler verzeiht dieser Markt nicht mehr.

Was Entscheider an diesem Format schätzen.

Der Immobilien-Stammtisch, von Philipp und Nikolaus Resl (P&R Verwaltung) vor sechs Jahren initiiert, hat sich zu einem Agenda-Setter entwickelt. Anders als klassische Kongresse lebt dieses Format vom direkten Austausch zwischen Menschen, die tatsächlich Budgets verantworten, Projekte freigeben oder politische Rahmenbedingungen gestalten.

Was den Stammtisch für Führungskräfte besonders wertvoll macht:

  • Ungefilterte Markteinschätzungen – ohne PR-Weichzeichnung, dafür mit klaren Zahlen
  • Direkter Zugang zu Regulatoren – von Nationalbank bis Landespolitik
  • Frühwarnsystem für Trends – bevor sie in Strategiepapieren auftauchen
  • Koalitionsbildung jenseits formaler Gremien – die später operative Wirkung entfaltet

Nikolaus Resl brachte es auf den Punkt: „Ein angespannter Wohnungsmarkt lässt sich nicht durch zusätzliche Hürden beruhigen – nur mehr Angebot sorgt für Entspannung." Eine Aussage, die im Raum auf breite Zustimmung stieß.

Politik am Zug

VÖPE-Präsident Andreas Köttl forderte beim Stammtisch eine „Fast Lane" für nachhaltige Bauprojekte und eine bundesweite Vereinheitlichung der Bauordnungen. WKO-Fachgruppenobfrau Ellen Moll kritisierte die zunehmenden Eingriffe in den Eigentumsmarkt und plädierte für eine gezielte Förderpolitik mit angepassten Einkommensgrenzen.

Die Botschaft war unmissverständlich: Planbarkeit ist keine Komfortfrage – sie ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt noch investiert wird.

Warum dieses Format jetzt wichtiger wird.

Die Herausforderungen der kommenden Jahre – Flächenknappheit, ESG-Anforderungen, volatile Finanzierungsbedingungen, demografischer Wandel – werden nicht einfacher. Aber sie werden lösbarer, wenn jene, die Verantwortung tragen, regelmäßig in einen offenen, strategischen Austausch treten.

Der Immobilien-Stammtisch erfüllt dabei eine Funktion, die formale Gremien oft nicht leisten können: Er schafft einen Raum, in dem Positionen justiert werden können, bevor sie zu verhärteten Fronten werden. Wo Wirtschaft, Verwaltung und Politik nicht übereinander, sondern miteinander sprechen.

Der 7. Immobilien-Stammtisch ist für Jänner 2027 angekündigt. Für Entscheidungsträger, die den Tiroler Markt verstehen und mitgestalten wollen, dürfte er zum Pflichttermin werden.

Dabei verstehen die Organisatoren den Stammtisch bewusst als offene Plattform. Menschen, die Ideen, Perspektiven und Lösungsansätze einbringen möchten, sind jederzeit willkommen – denn gerade in herausfordernden Zeiten braucht es gemeinsamen Austausch und neue Impulse für den Immobilienstandort Tirol.

Entscheider unter sich

Was auf diesen Fotos sichtbar wird, ist mehr als ein gesellschaftlicher Anlass: Es sind die Menschen, die Tirols gebaute Zukunft prägen – durch Investitionen, Genehmigungen, Finanzierungen und strategische Weichenstellungen. Der Stammtisch lebt davon, dass hier nicht Positionen vertreten, sondern Perspektiven ausgetauscht werden. Zwischen den offiziellen Programmpunkten entstehen jene Gespräche, die später in Projekten, Kooperationen und politischen Initiativen münden. Ein Tag, viele Handschläge – und die Gewissheit: Entscheidungen fallen selten am Schreibtisch allein. Wer den Tiroler Immobilienmarkt verstehen will, muss die Menschen kennen, die ihn gestalten.

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