Ein Weg, der nicht geplant war
Die Klingler Wörgl GmbH ist ein klassischer Tiroler Familienbetrieb. Gegründet wurde das Unternehmen 1961 von Lea Klinglers Großvater, 1996 stiegen ihr Vater und ihr Onkel ein. Heute ist der Betrieb in den Bereichen Sanitär, Heizung und Gas tätig und beschäftigt langjährige Mitarbeiter, viele davon seit Jahrzehnten im Unternehmen.
Dass Lea Klingler eines Tages die Verantwortung übernehmen würde, war allerdings lange nicht vorgesehen.
„Ich wollte eigentlich nie die Firma übernehmen“, erzählt sie offen. Während ihr Bruder die HAK Wörgl absolvierte und früh Berührungspunkte mit dem Betrieb hatte, schlug Lea zunächst einen ganz anderen Weg ein. Nach der Ferrari Schule Wörgl machte sie ihre Lehre als Polsterin fertig. Erst später entstand die Idee, sich den Beruf ihres Vaters einmal genauer anzusehen.
Der Einstieg in den Familienbetrieb war ursprünglich nicht als langfristiger Plan gedacht. „Ich wollte einfach einmal schauen, wie das Ganze überhaupt funktioniert.“ Doch aus dem kurzen Einblick wurde mit der Zeit mehr. „Es hat mir dann deutlich besser gefallen, als ich gedacht hätte.“
Heute bereitet sich die 24-Jährige Schritt für Schritt auf die Übernahme des Unternehmens vor. Vergangenes Jahr begann sie zusätzlich die Lehre als Installateurin — auch, um das Handwerk hinter dem Betrieb selbst vollständig zu verstehen.
Verantwortung kommt selten geplant
Dass dieser Prozess schneller Realität wurde als erwartet, hatte persönliche Gründe. Nach einem Motorradunfall ihres Vaters fiel dieser für längere Zeit im Unternehmen aus und konnte vorerst nicht mehr mitarbeiten. Innerhalb kürzester Zeit mussten Verantwortungen neu verteilt und Abläufe reorganisiert werden.
Lea betont dabei, dass sie diese Phase nicht alleine bewältigt habe. Gerade die Mitarbeiter hätten in dieser Zeit enorm zusammengeholfen. Viele Themen seien plötzlich gleichzeitig aufgetaucht — organisatorisch, personell und strukturell.
Zum Glück war auch Stefan, ein langjähriger Mitarbeiter und wichtiger Ansprechpartner im Betrieb, damals noch im Unternehmen. Dennoch entstand eine Situation, in der vieles neu definiert werden musste. Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie laufen Entscheidungen künftig ab? Welche Verantwortlichkeiten liegen wo?
„Am Anfang gab es einfach viele Unklarheiten“, sagt Lea rückblickend.
Plötzlich ging es nicht mehr nur um einzelne Aufgabenbereiche, sondern um den gesamten organisatorischen Hintergrund eines Unternehmens: Löhne vorbereiten, Bestellungen koordinieren, Baustellen organisieren, Termine abstimmen und Entscheidungen treffen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben.
Wenn jemand 20 Jahre lang körperlich arbeitet und dann plötzlich die Tochter des Chefs daherkommt, ist es völlig nachvollziehbar, dass das nicht sofort passt.
Wenn Verantwortung auf Erfahrung trifft
Besonders im Handwerk entsteht dabei eine Situation, die in vielen Familienbetrieben bekannt ist — über die jedoch selten offen gesprochen wird: Wie übernimmt eine junge Frau Anfang zwanzig Verantwortung in einem Betrieb, in dem Mitarbeiter seit Jahrzehnten körperlich arbeiten und enorm viel Erfahrung mitbringen?

Lea spricht dieses Thema bewusst direkt an.
„Wenn jemand 20 Jahre lang körperlich arbeitet und dann kommt plötzlich die Tochter des Chefs daher — noch dazu ein junges Mädchen — dann ist es völlig nachvollziehbar, dass das nicht automatisch sofort passt.“
Genau deshalb sei Respekt für sie nichts, das man über eine Position bekomme. Entscheidend sei vielmehr, ob Mitarbeiter merken, dass man ihre Arbeit versteht und ernst nimmt.
Zwei Welten innerhalb eines Betriebs
Im Gespräch wird schnell klar, dass Lea weniger in klassischen Hierarchien denkt, sondern vielmehr in unterschiedlichen Perspektiven innerhalb eines Unternehmens.
Auf der Baustelle herrschen andere Herausforderungen als im Büro. Während draußen Zeitdruck, körperliche Arbeit und praktische Lösungen dominieren, laufen im Hintergrund organisatorische Prozesse, die oft kaum sichtbar sind.
Für Lea liegt genau dort häufig die eigentliche Schwierigkeit: Nicht, weil eine Seite die andere nicht wertschätzt — sondern weil die jeweiligen Anforderungen oft schlicht unterschiedlich sind.
„Es sind einfach komplett verschiedene Aufgabenbereiche“, sagt sie. „Und oft sieht man im Alltag gar nicht, was auf der jeweils anderen Seite alles passiert.“
Gerade deshalb seien Kommunikation und gegenseitiges Verständnis entscheidend — etwa bei organisatorischen Themen wie Urlaubsplanung oder internen Abläufen, bei denen am Ende Lösungen gefunden werden müssen, die für den gesamten Betrieb funktionieren.
Präsenz statt Distanz
Obwohl ihr Alltag heute stark von organisatorischen Aufgaben geprägt ist, versucht Lea bewusst, den Bezug zur praktischen Arbeit nicht zu verlieren. Wenn es zeitlich möglich ist, fährt sie auch auf Baustellen mit — auch wenn das im Tagesgeschäft mittlerweile selten geworden ist.
Für sie gehe es dabei weniger um Kontrolle, sondern vielmehr darum, die Realität der Mitarbeiter weiterhin selbst mitzuerleben. Gleichzeitig war ihr von Anfang an wichtig, innerhalb des Unternehmens nicht in der Rolle der „Cheftochter“ wahrgenommen zu werden.
„Ich bin die Tochter vom Chef — aber deshalb bin ich nichts Besseres.“

Sonderrechte oder weniger Verantwortung habe sie nie gewollt. Im Gegenteil: Gerade in einem Familienbetrieb entstehe Akzeptanz langfristig nur über Einsatz, Verlässlichkeit und Präsenz.
Ein moderner Zugang zur Unternehmensführung
Für die Zukunft verfolgt Lea eine klare Richtung. Sie möchte ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem Mitarbeiter nicht nur ausführen, sondern ihre Ideen aktiv einbringen können.
„Mitarbeiter haben oft extrem gute Ideen für Abläufe oder Strukturen. Man muss ihnen einfach zuhören.“
Auch strategisch denkt die Klingler Wörgl GmbH bereits weiter. Geplant ist eine Erweiterung in Richtung Raumausstattung, um Kundinnen und Kunden künftig noch umfassendere Komplettlösungen anbieten zu können.
Verantwortung ist keine Generationenfrage
Bleibt am Ende noch ein Begriff, der aktuell oft diskutiert wird: Generation Z. Junge Menschen würden keine Verantwortung mehr übernehmen wollen, heißt es häufig.
Lea sieht das deutlich differenzierter.
„Es gibt genauso ältere Menschen, die keine Verantwortung übernehmen wollen.“
Für sie sei das keine Frage des Alters, sondern der Persönlichkeit.
Ihre eigene Geschichte zeigt genau das: Anfang zwanzig, parallel in Ausbildung, Büroalltag und Unternehmensführung — in einer Situation, die ursprünglich nie so geplant war. Verantwortung wurde ihr dabei nicht einfach übertragen. Sie musste Schritt für Schritt hineinwachsen.